Beratung ist dann als pädagogische Beratung zu bezeichnen, wenn sie die Not, den Beratungsanlass und das Ringen des Ratsuchenden aus pädagogischer Perspektive zu verstehen und zu bearbeiten versucht. Was so banal klingt, wird bei näherer Betrachtung zu einem durchaus komplexen Kriterium, denn viele Beratungsanlässe wurzeln in einem medizinischen Problem (hierfür wäre dann ein Arzt zuständig), offenbaren eine rechtliche Unsicherheit oder Mutmaßung (in diesem Fall sollte auf die Sprechstunde eines Rechtsanwaltes verwiesen werden), gehen mit einer technischen Schwierigkeit einher (hier führen die Gelben Seiten z.B. zu einem PC-Spezialisten), lassen sich auf denkbare psychiatrische Indikationen verdichten (in solchen Fällen sollte ein Fachmann für psychische Erkrankungen aufgesucht werden) oder stellen auch ein sprachliches, bzw. kommunikatives Problem dar (sind also psychologisch oder logopädisch anzugehen). Pädagogische Beratung, die diese Bezeichnung verdient, setzt voraus, dass der Beratende das geschilderte Problem professionell in einen pädagogischen Bezugsrahmen, also in ein pädagogisches Deutungsmuster übertragen kann. Der Pädagogische Berater sucht also die pädagogische Frage, bzw. das pädagogische Problem.
Pädagogische Frage finden
Was bedeutet „die pädagogische Frage“, bzw. „das pädagogische Problem“? Wenn wir als Pädagogen davon ausgehen, dass der Mensch lebenslang permanent große und kleine Dinge lernt und dass ein Problem – gleich welchen Ursprungs (medizinisch, rechtlich, technisch etc.) – den Ratsuchenden vor die Aufgabe stellt, hier ein Lebensproblem zu lösen, transformiert der pädagogische Berater dieses Lebensproblem in ein Lernproblem (vgl. Hechler 2010) und interpretiert die Hilflosigkeit und Ratlosigkeit als akuten Lernbedarf. Eine so verstandene Frage reicht nicht zu einem etwa notwendigen Expertenwissen in medizinischer, technischer, psychologischer oder finanzieller Hinsicht, sondern nimmt eine Entscheidungskrise ernst, die als Figur vor dem Hintergrund häufig zwar besser beschreibbarer, nicht aber dringlicherer Probleme aufgetreten ist. Ziel jeder pädagogischen Beratung muss sein, für den Ratsuchenden grundsätzlich mehr Mündigkeit und Handlungsfähigkeit zu erreichen und Probleme als Orte des Lernens und der Bildung optimal zu nutzen. Selbst wenn also ein Problem zwar medizinischen Ursprungs ist, sucht der Ratsuchende dennoch nicht medizinische Hilfe, sondern leidet schlicht darunter, dass er nicht weiß, wie er mit der Belastung, den aufgetretenen Selbstvorwürfen oder den resultierenden Einschränkungen umgehen soll. |
Pädagogische Frage analysieren
Eine pädagogische Fragestellung lässt sich aus drei Richtungen formulieren (Böhm 2000, 405): Sie kann anthropologisch ausgerichtet sein (Grundfrage „Wer ist der Mensch?“) und schwerpunktmäßig nach Ressourcen, Kompetenzen und Fähigkeiten suchen, um diese dann zu fördern. Sie kann zweitens teleologisch ausgerichtet sein (Grundfrage „Was soll der Mensch?“) und Normalität, bzw. Normativität, zu erreichen suchen und den Menschen damit zum vollwertigen und soziablen Mitglied der Gesellschaft machen wollen. Und drittens kann eine pädagogische Fragestellung auch methodologisch ausgerichtet sein (Grundfrage „Wie kann Erziehung hier diesem Menschen helfen?“) und effektive Gesprächstechniken, einfühlsame Fragestrategien sowie hilfreiche Problemlösestrategien suchen. |
Pädagogische Beratung ist Erziehung
Aber gehen wir der Reihe nach vor. Pädagogische Beratung erfüllt gewissermaßen den Tatbestand der Erziehung, da der deutsche Begriff der Pädagogik sowohl das erzieherische Handeln selbst, als auch die wissenschaftliche Theorie der Erziehung einschließt. Damit stellt die pädagogische Beratung eine Spielart der Erziehung und des Reflektierens über Erziehung dar – nicht mehr – aber auch nicht weniger. Erziehung wird als Prozess des lebenslangen Lernens beschrieben – unabhängig vom Alter des Edukanten (Oelkers 2009, 251). Der pädagogische Berater nimmt den Ratsuchenden in seiner Selbstständigkeit und Würde ernst, begleitet ihn, tritt mit ihm in einen Prozess des Aushandelns seines individuellen Handlungsspielraumes ein und hilft ihm zu erkennen, wo seine Ressourcen zu finden sind. Der so respektierte Mensch erlebt
- den Berater als Autorität im positiven Sinne, wird
- zur Selbständigkeit ermutigt, nimmt
- das Potential von reflektierten Problemen neu wahr und wird
- grundsätzlich in seiner Situationsüberlegenheit bestärkt.
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