Die Bedeutung von Problemen in der pädagogischen Beratung

Fehler, Probleme und Verzweiflung finden in verschiedenen Beratungskonzepten auf eine Weise Beachtung, die bedenklich, mindestens aber unpädagogisch, erscheint. Während die große Bedeutung des Fehlers für einen erfolgreichen Lernprozess in der Pädagogik als konsensfähig angesehen wird, suchen einige Beratungskonzepte nach Fehlern, Problemen und insbesondere Ursachen von Missständen, um diese abzustellen und fortan Fehler zu vermeiden.

Der Mensch ist keine triviale Maschine

Kerngedanke dieses unpädagogischen beraterischen Vorgehens ist, dass die eindeutige Lokalisierung der Ursache eines Problems dieses abzustellen hilft und zu Strategien führt, die in Zukunft ein weiteres Auftreten dieses Problems vermeidbar machen. Die Annahme, dass es von zentraler Bedeutung sei, die Ursache eines Problems, eines Fehlverhaltens oder einer Hilflosigkeit zu finden, wurzelt jedoch in einem unpädagogischen Menschenbild. Hier wird der problembehaftete Mensch mit einer defekten trivialen Maschine verwechselt. Während die Wasser verlierende Spülmaschine, der stotternde Ottomotor und das heißlaufende Navigationsgerät selbstverständlich nur durch Ursachenbehebung wieder (trivial) funktionieren werden, handelt es sich beim Menschen um das hochkomplexe Modell einer „nicht-trivialen Maschine“, die Input individuell verarbeitet, unterschiedlich effektiv aus Fehlern lernt und zudem auf diffuse Weise mit ihrer sozialen Umwelt und diversen Einflussfaktoren (und potentiellen Fehlerquellen) vernetzt ist. Eine Fokussierung auf die Ursache eines beschreibbaren Problems, um dieses auszuschalten, ignoriert nicht nur die Erfahrung, dass Experten einer Sache nicht weniger, sondern lediglich andere Fehler machen. Sie übersieht zudem die fundamentale Bedeutung des reflexiven Umgangs mit Fehlern. Fehler müssen zugelassen, reflektiert und als wichtige Lernausgangsbasis gewürdigt werden.

 

„Wozu?“ statt „Warum?“

Diese Festlegung auf ein pädagogisches Verständnis des Problems als Krise im Sinne der Chance führt zum Perspektivenwechsel, weg von der mitunter verzweifelten und häufig aussichtslosen Frage nach dem „Warum?“, hin zu einem verstehenden „Wozu?“. Eine solche Ausrichtung weist den Weg in eine mündige Zukunft, weil sie nach dem individuellen Sinn einer Krise für den Menschen sucht. Pädagogische Beratung will dem Menschen Probleme in ihrer Sinnhaftigkeit und in ihrem prospektiven Lernpotential bedeutend machen. Ein Problem stellt demnach entweder bereits eine unbewusste Lösungsstrategie dar (wenn es zum Beispiel mit einem problematischen Verhalten / Handeln einher geht) oder muss als einmalige Gelegenheit zur Bearbeitung eines viel gewichtigeren Missstandes angesehen werden. In beiden Fällen liegt die „Wozu?“-Frage zugrunde und in beiden Fällen wird der Ratsuchende als selbstverantwortliches und selbstorganisiertes Individuum ernst genommen, das sich der eigenen Bedeutung bewusst werden soll und das über diese Würdigung Situationsüberlegenheit erlernen kann.