Situationsüberlegenheit als Ziel pädagogischer Beratung
Während Fachberatung in einer beispielsweise technisch, finanziell, rechtlich oder medizinisch unklaren Situation adäquates (und damit ist gemeint effektives) Handeln fördern will und psychologische Beratung individuelle Fähigkeiten, Fertigkeiten und Voraussetzungen zu schaffen versucht, die in der spannungsreichen Situation angemessen erscheinen, zielt pädagogische Beratung in letzter Konsequenz auf die Situationsüberlegenheit des Ratsuchenden. Im Postulat der Situationsüberlegenheit klingen zugleich Mündigkeit, Selbständigkeit und Autonomie mit. Der Mensch – so die Grundüberzeugung pädagogischer Beratung – muss sich niemals in eine als leidvoll, katastrophal, determinierend oder entmündigend empfundene Situation fügen. Vielmehr soll der gut (= pädagogisch) beratene Mensch grundsätzlich einen kritischen Standpunkt hinsichtlich der Gültigkeit des Negativcharakters einer Situation einnehmen.
Nicht die Situation, die Entwicklung, die Verhaltensweise der Mitmenschen oder das Wetter bestimmen den Verlauf des Lebens, so das Erkenntnisziel pädagogischer Beratung, sondern der Ratsuchende selbst gibt den Interpretationsrahmen vor. Dies führt dazu, dass pädagogische Beratung ganz praktisch einen Erziehungsprozess darstellt, der im Wesentlichen einen Prozess der Wahrnehmungsveränderung beinhaltet. In der Beratung handeln zwei Menschen aus, welche Interpretationsgewohnheit, welche Handlungsweise, und nicht zuletzt welche Wahrnehmung in dieser konkreten, als besonders belastend angesehenen, Situation hilfreich und gut sind. Das Einüben einer solchen Einstellung krisenhaften Situationen gegenüber stellt einen dauerhaften Ausgang des Menschen in die Unabhängigkeit dar. Er selbst kann bewirken, dass ehemals besonders belastende Situationen als besonders chancenreich angesehen werden. Er selbst kann bewirken, dass ein besonders belastendes Problem zum Ausgangspunkt einer besonders erfreulichen Entwicklung wird. Grundlage dafür ist ein konsequenter Prozess der Wahrnehmungsveränderung, die Fähigkeit und Gewohnheit, Erlebnisse und Ereignisse kontra-diktisch (gegen die erste Diktion) also gegen das augenscheinliche Problempotential, zu bewerten. Aus einer kontradiktischen Beratung kann Kontradiktion als Lebensstil erwachsen.